Von der Vermarktwirtschaftlichung der Sozialarbeit

Wir werden alle weich gespült. Von klein auf in Institutionen abgescho- ähm, ich meine untergebracht, dort mit Regeln bombardiert, die nicht unsere und nicht einmal die unserer Eltern sind, nach zehn Stunden Rundumbetreuung in KiTa, Schule und Hort von Massenmedien befriedigt und gelähmt, bis irgendwann eine ganze Generation sabbernd auf Smartphones starrt, während drei Meter weiter ein Jugendlicher für drei Gramm Gras erschossen wird. Until we’re soft in our heads.

Als ich die Aufzeichnung des Workshops durchgehe, fällt mir auf, dass die Mitschrift nach und nach zunehmend von zynischen Kommentaren und Kritzeleien überlagert wird. Es sollte die „Auftaktveranstaltung zur Konzeptentwicklung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit der Stadt“ sein. Fünfundzwanzig Vertreter*innen aus Jugendarbeit und Politik und ein Moderator, der zu Beginn erst einmal eine halbe Stunde lang erklärt, warum wir ein neues Konzept brauchen – Frei nach dem Motto „Sie wissen ja, der demographische Wandel… Und wie Sie in diesem Diagramm sehen, wird ihre Stadt in fünfzehn Jahren etwa 0,5% weniger Jugendliche haben als heute…“ Nun ja, ein Konzept macht sich schließlich immer gut und wenn wir ehrlich sind: Es schadet doch nie, Altes neu zu überdenken.

Nach und nach merke ich, dass es aber nie nur um eine einzelne Stadt gehen kann und so sehr wir uns auch anstrengen mögen: Gesellschaftliche Trends kann man nicht einfach aufhalten, indem man die Jugendarbeit in unserem Ort verändert. Zu oft scheitert man hier, daran dass die Eltern dieses voraussetzen, die Versicherungen jenes so sehen, die Schule das eine fordern und die Offene Jugendarbeit schließlich doch eigentlich etwas Anderes sein sollte. Und dann der Vorschlag: Gesicherte Betreuungszeiten an offenen Einrichtungen. Zum Glück war ich nicht die einzige, die sich angesichts der Paradoxie dieser Aussage an den Kopf fasste. Und es wurde immer besser.

„Wir müssen uns doch überlegen, wer eigentlich unsere Kunden sind. Also Kinder, Eltern oder Politik. Jedenfalls müssen die Qualitätsentwicklung unserer Leistungen gegenüber den Konsumenten im Auge behalten.“
Bin ich hier im Einstiegsseminar für BWL gelandet oder geht es noch um Offene Kinder- und Jugendarbeit?

„Bildung wird vermarktwirtschaftlicht“, kritisiert ein Kollege. Sie wird verkauft, sie wird entfremdet. Dabei war die Offene Jugendarbeit doch ursprünglich einmal parteilich. Und zwar auf der Seite der Jugendlichen.
„Die Jugend hat die schlechteste Lobby von allen“, fügt er an. „Ich glaube nicht, dass sich die offene Jugendarbeit da auch noch den Wünschen der Politik beugen sollte, ohne die Bedürfnisse der Jugendlichen zu berücksichtigen.“

Wir steigen ein in gesellschaftspolitische Diskussionen über Kinderbetreuung, Sicherheitsbedürfnis, Eigenverantwortlichkeit… und kommen doch nicht so recht zu brauchbaren Ergebnissen. Mir steht es langsam bis zum Hals. Ganz langsam beschleicht mich eine ganz böse Ahnung, was man mit den aktuellen Tendenzen anstellen kann. Wenn alle immer mehr arbeiten müssen (oder Karriere machen wollen), Kinder deshalb immer früher in öffentliche Einrichtungen abgegeben werden, teilweise zehn, zwölf Stunden am Tag, Eltern ihre Kinder von Fremden erziehen lassen, dann die Ganztagsschule flächendeckend eingeführt wird – vom G8 mal gar nicht zu reden, da hat ja auch jetzt schon keiner eine Wahl – und dann auch noch die offene Arbeit zur geschlossenen oder an Schulen angegliederten wird- …

„Wir sind eine Generation, die von [öffentlichen Einrichtungen] großgezogen wurde; Ich weiß wirklich nicht, ob eine weitere [öffentliche Einrichtung] die Lösung unserer Probleme ist.“,
habe ich auf mein Blatt gekritzelt.

Die Offene Jugendarbeit könne auch das „Korrektiv der Gesellschaft“ sein, so formuliert es eine Kollegin. Man müsse sich nicht allen politischen und gesellschaftlichen Modetrends beugen.

Was dieser Workshop für mich gebracht hat?
Er hat in mir die Frage aufgeworfen, wo Wandel herkommt. Man sollte meinen, Wandel findet an der Basis statt. Und wieso können wir an der Basis dann trotzdem keinen Modeerscheinungen effektiv entgegenwirken?
Warum geht es immer nur um Wirtschaft und Geld und Geldgeber und Macht statt um das Wohlergehen der Menschen?
Warum sehen selbst wir, in diesem, meiner Meinung nach kompetenten und vor allem offenen, kritischen Kreis Sozialarbeit als Wirtschaftsablauf?

Und WARUM, zur Hölle, ist meine Generation SO VERDAMMT STILL?!

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