Einander verstehen (wollen)

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„Eine WG würde mir vollkommen reichen…“, murmle ich.
Wir sitzen an der Feuerstelle am See, zu siebt. Der Himmel ist sternenklar, von irgendwoher hören wir eine Eule rufen. Dass es eigentlich Minusgrade hat, kann man hier am Feuer gar nicht glauben. Die Gitarre haben wir aber trotzdem wieder weggepackt, an den Fingern wurde es dann doch recht schnell kalt.

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„Nein Mann!!! Ich hab eine Playlist, die zu meiner Stimmung passt! Meine eigene!“, ruft Daniel bei der dritten Werbung zwischen zwei Liedern leicht genervt.
Wir sitzen also am Feuer, sieben junge Leute, achtzehn, neunzehn Jahre alt, hören Musik, unterhalten uns über Bekannte, Berufsperspektiven und Saufgeschichten und versuchen genug trockenes Holz zwischen den Bäumen zu finden, um das Feuer am Laufen zu halten.
Die Eule ruft wieder. „Da, die Eule!“, sagt mein Freund. „Ah, Eule heißt das auf Deutsch!“, ruft Daniel. „Hey, Catalin! Bufniță este Eule!“
Auf den ersten Blick sind es ganz normale Jugendliche, die gemeinsam bei ein paar Bier den Abend verbringen. Und doch bin ich die erste Gymnasiastin, die sich zu ihnen gesellt hat. Mein Freund und ich sind Deutsche und vom Gymnasium. Die anderen fünf sind aus Rumänien, Polen und Italien und von der Mittelschule. Im Sommer, wenn am See mehr los ist, sitzen sie an der linken Feuerstelle und wir an der rechten. Hören die gleiche Musik, trinken das gleiche Bier und verbrennen das gleiche Holz, aber niemand will etwas mit der anderen Gruppe zu tun haben. Und das beruht auf Gegenseitigkeit.
Ich will mich da gar nicht herausnehmen. Würde ich meinen Bundesfreiwilligendienst nicht im örtlichen Jugendzentrum machen, hätte ich vermutlich nie ein Wort mit Catalin, Daniel und all den anderen gewechselt. Warum? Gute Frage. Man geht davon aus, sowieso nichts miteinander gemein zu haben. Leben und leben lassen, lautet das Motto der gegenseitigen Toleranz. Aber Toleranz ist keine Integration.
Ich schaue auf die Uhr. 0:22. Wow, wie die Zeit vergeht! Wir wollten nur kurz vorbei schauen. Einerseits, weil uns Lagerfeuer als eine gute Idee erschien und andererseits, um zu zeigen: Hey, ich finds cool, dass ihr das macht, dass ihr rausgeht, dass ihr euch selbst organisiert, dass ihr einen friedlichen, lustigen Abend miteinander verbringt. Womit ich nicht gerechnet hatte, war dass wir so viel zum Reden haben. Über unsere Mütter, über das alleine Wohnen, über Berufsschullehrer, über die Münchner Bars.
„Ein Jahr noch, dann bin ich fertig mit meiner Lehre.“, sagt Gregor. Akzentfrei. „Was machst du gleich nochmal?“, frage ich. „Mechaniker. Und danach will ich meinen Schweißermeister machen, aber nur, wenn ich in meinem Betrieb übernommen werde. Und dann irgendwann in eine große Firma…“
Vier Stunden haben wir hier gesessen. Nein, die Unterhaltung lief nicht nur auf Deutsch. Da war auch Rumänisch dabei und Englisch. Daniel sagt, er wünscht sich eine Weltsprache, damit jeder jeden verstehen kann. Catalin stimmt ihm zu, „Mein Deutsch ist scheiße. Obwohl ich schon seit vier Jahren hier bin.“, sagt er. Ich widerspreche. Sicher, man hört ihm an, dass er nicht hier aufgewachsen ist. „Aber du verstehst, was die anderen Leute sage und du kannst sagen, was du sagen willst. Dass du noch bei dem einen oder anderen Wort nachdenken musst, ist doch kein Problem.“ So gut wie kein deutscher Abiturient, geschweige denn Hauptschüler, spricht eine zweite Sprache wirklich fließend. Catalin spricht fließend Rumänisch, fast fließend Deutsch und genug Englisch um sich zu unterhalten.
Und was viel wichtiger ist: Wir verstehen einander, nicht nur die Sprache. Einfach, weil ich mich selbst eingeladen und dazu gesetzt habe, nicht ohne anfängliche Skepsis. Und sie haben mich höflich begrüßt. Vermutlich auch nicht ohne Skepsis. Die Gruppenstrukturen wurden aufgebrochen.
Es braucht zwar ein bisschen Mut, und das von beiden Seiten, aber es lohnt sich. Wenn wir uns von lachenden, manchmal grölenden Gruppen ausländisch aussehender Jugendlicher, die vielleicht auch mal eine Flasche werfen, abgeschreckt fühlen, dann sollten wir erst einmal unsere eigenen Gruppen reflektiert betrachten. Auch wir lachen und grölen, wenn wir uns in der Gruppe sicher fühlen. Und auch bei uns fliegt im Suff mal eine Flasche.

Man muss ja nicht gleich die besten Freunde werden, aber warum nicht einmal vorfühlen, ob man nicht vielleicht doch mehr gemeinsam hat als man zunächst denkt? Und wenn man dabei lernt, dass Eule auf Rumänisch „bufniț㓠heißt, dann tut uns das sicher auch nicht weh.

Das Feuer ist fast herunter gebrannt. Mein Freund und ich steigen auf die Fahrräder und machen uns auf den Heimweg. Daniel begleitet uns noch ein Stück, erzählt von seinem achtzehnten Geburtstag letzte Woche. Dann trennen sich die Wege.

„Das war ja echt richtig cool!“, sagt mein Freund. Ich nicke. „Hätt‘ ich irgendwie nicht gedacht.“

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