SMS statt Zeitungsartikel?

Die Mediennutzung ändert sich. Klar. Seit Web 2.0 ist nichts mehr so wie früher, Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen zunehmend online, jede*r und alles braucht einen Internetauftritt samt facebook-Seite und ich darf Rundfunkgebühren jetzt zahlen, obwohl ich kein Radio und keinen Fernseher, aber theoretisch die Möglichkeit habe, auf Mediatheken zuzugreifen.

For The Times They Are’A’Changin‘. Hooray.

Die SZ hat sich nun etwas Neues ausgedacht: Die Rubrik „Fall für Zwei – ein Streitgespräch über aktuelle Modephänomene, geführt per SMS“. Jetzt lassen wir den Inhalt mal ganz beiseite – beim Thema Mode kann und will ich auch gar nicht mitreden, und was Trainer während der Fußballspiele ihrer Mannschaft anziehen, tangiert mich maximal peripher.

Aber die Form – ein Streitgespräch per SMS? Wirklich? Soll damit jetzt die jüngere Leserschaft angesprochen werden? Weiß die jüngere Leserschaft überhaupt noch, was SMS sind, oder bin ich doch nicht die einzige, die ihre Daten noch nicht direkt an WhatsApp verschenkt?

Jedenfalls scheinen Jakob Schrenk und Patrick Bauer von der SZ eine außergewöhnlich gut funktionierende Autokorrektur zu haben. Keine Rechtschreibfehler, korrekte Groß- und Kleinschreibung, nicht einmal Komma- oder dass-Fehler. Ich bin begeistert! Wenn die SMS meiner Freunde so aussehen würden, müsste mein Germanistenherz nicht so oft leiden.

Das Herz der elementaren Diskussion über Anzüge bei Klopp, Guardiola und Co. besteht übrigens aus 989 Zeichen. Ja, neunhundertneunundachtzig. Zahlen werden übrigens ausgeschrieben, typisch SMS natürlich. Eine SMS kann bis zu 160 Zeichen enthalten. Diese eine Nachricht würde also auf sieben SMS verteilt. Aber lassen wir die Erbsenklauberei über Authentizität.

Ich bin mir nicht sicher, was die SZ erreichen will. Sicher, so ein Streitgespräch liest sich anders als ein normaler Artikel. Aber warum in dieser graphischen Darstellung? Weil wir daran gewöhnt sind? Weil wir fast nur noch solche Texte lesen in den schönen, vertrauten, abgerundeten blauen und grauen Kästen? Ist das nicht ein bisschen traurig?

Dass ich diese Kolumne gelesen habe, lag daran, dass es mich interessiert hat, warum man so etwas macht. Zu einem Ergebnis bin ich nicht gekommen. Dass ich vermutlich nicht weiter lesen werde, auch wenn sie ab jetzt jeden Donnerstag (bis jetzt) kostenlos online erscheinen wird, liegt allerdings nicht an der Form, sondern am Thema. Vielleicht findet dadurch das Modebusiness ja aber auch ein paar neue Interessenten.

Ja, die Medienwelt ändert sich. Ich sehe eine Zukunft vor mir, da werden Nachrichten nur noch in blauen WhatsApp-Nachrichten-Kästen in angenehm lesbaren Portiönchen präsentiert, damit die Bevölkerung mitbekommt, dass der Dritte Weltkrieg ausgebrochen ist. Zeitungen und Bücher genießen dann einen Kultstatus wie jetzt Platten auf Vinyl und Nachrichten im Webradio werden dann durch den Facebook-Chatton angekündigt, um die Aufmerksamkeit der Hörerschaft wieder zu erlangen.

Hooray.

Ein Hoch auf den Fortschritt.

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3 Gedanken zu “SMS statt Zeitungsartikel?

  1. Was aber ebenso schlimm ist bzw. war – denn jetzt ist es nicht mehr aufzuhalten: die Leute haben verlernt, sich zu empören.
    Gemäß der Fußball- Strategie, daß Spiele in der Abwehr gewonnen werden, bemüht man sich im Radio darum, daß die Leute nicht abschalten. Und nicht mehr darum, daß man eine Sendung macht, die am nächsten Tag Gesprächsthema ist.

    Liken

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