Was man im Fußballstadion lernen kann.

Eigentlich bin ich kein Fußballfan. Das heißt: nicht mehr. Es war bei der WM 2006 – wann sonst – , dass ich begonnen habe, mich dafür zu interessieren. Meine Lieblingsmannschaft der folgenden Jahre: TSV 1860 München. Warum? Mein Vater ist Fan des FC Bayern München; Und wenn dass als Grund nicht reicht: Ein Freund, für den ich damals ein kleines bisschen geschwärmt habe, ist 60er-Fan.

2015: Neun Jahre nach meinem ersten Fußballfieber, sechs Jahre nach dem raschen Ende meiner kurzen, aktiven Karriere in der Kreisklasse C und fünf Jahre nach meinem letzten Stadionbesuch betrete ich den ersten Rang der Allianz Arena. Ich versuche, möglichst unbeeindruckt zu wirken, aber ich bin begeistert von der Aussicht. Mit einem Angebot des Jugendzentrums, das mich vor acht Jahren zu meinem ersten Stadionbesuch mitgenommen hat, bin ich wieder hier. Diesmal als Bundesfreiwilligendiestleistende der Einrichtung.

In den darauffolgenden knapp drei Stunden fallen mir viele Kleinigkeiten auf. Angefangen dabei, dass ich endlich, endlich auch ein mal ein Tor der ersten Mannschaft von Sechzig live sehen möchte, dass es mir tatsächlich am Herzen liegt! Eine Hoffnung, die übrigens nicht erfüllt werden sollte.
Einen anderen Punkt könnte man fast schon als Reizüberflutung bezeichnen. Das erste (Gegen)tor hätte ich fast verpasst, weil ich mit meinem Sitznachbarn über Gesundheit und Fitness bei Fußballern diskutiert habe. Bei einer Torchance der Sechziger bin ich erst aus meinen Gedanken aufgewacht, als schon der Applaus aus der Fankurve aufbrandete – schließlich fand ich es viel interessanter, dem jungen Mann mit der „Union Berlin“-Mütze dabei zuzusehen, wie er einer alten Frau mit 1860-Fanshop-Tüte geduldig die Stufen hinunter hilft. Ich wüsste doch immer zu gerne die Geschichten hinter den Szenen. Ja, und als dann ein (Gegen)tor gefallen ist, bei dem ich mir absolut sicher war, dass der Union-Spieler im Abseits stand und als ein fragwürdiger Freistoß für Union gegeben wurde und bei der gelben Karte für einen Sechziger, da hätte ich zu gerne die Wiederholung gesehen. (An den Freistoßentscheidungen zugunsten des TSV und der gelben Karte für den Union-Spieler hatte ich übrigens nichts auszusetzen…) Aber ist ja live. Also geht das Spiel weiter.
Man kann nichts zurückdrehen, nichts heran zoomen, nichts in Zeitlupe zeigen. Man hat nur eine Chance, und wenn man die verpasst – tja, dann geht es eben weiter. Eigentlich ist das näher an der Realität als unser Alltag, in dem wir alles googlen, was wir nicht wissen, alles noch einmal anhören, was wir nicht verstanden haben und alles noch einmal ansehen, das wir gerne noch einmal sehen würden. Wir sind schlichtweg verwöhnt – Hand aufs Herz: Hast Du dir nicht schon einmal gewünscht, du könntest googlen, wo du deinen Schlüssel, deinen Geldbeutel, deine Jacke hingelegt hast? Mir zumindest geht es manchmal so und ich würde mich noch als gemäßigten Techniknutzer bezeichnen. Immerhin kann ich noch Landkarten und Busfahrpläne lesen und verstehe das Ordnungssystem in der Bibliothek, ohne den digitalen Katalog zu durchforsten. Keine Selbstverständlichkeit, wenn ich mir Gleichaltrige anschaue.

Also sitze ich im Stadion und philosophiere über die Diskrepanz von Realität und technischer Welt. Anstatt mich an dem Spiel zu freuen. Zu freuen über ein 0:3 im Abstiegskampf, naja, das würde wohl niemand. Aber ich hätte mich einfach freuen können über die Atmosphäre. Hätte mich einfach mitreißen lassen können. Wenn das so einfach wäre… Die Band „Wir sind Helden“ schrieb einmal ein Lied, das heißt „Die Zeit heilt alle Wunder“ und das wird mir wieder schmerzlich bewusst. Man kann noch nicht einmal sagen, ich hätte mich an Stadienbesuche gewöhnt, nein, ich bin nur einfach älter geworden. Und habe einen Großteil meiner kindlichen Freude und Begeisterungsfähigkeit verloren. Darum beneide ich die Fans dort drüben in der Kurve fast ein bisschen, auf den Stehplätzen, ganz in blau, mit ihren Fangesängen, deren Wortlaut ich nicht einmal erahnen könnte.
Manchmal verliere ich mich dann aber doch in der Spannung des Spiels und denke: „Maaaaann, was war denn das für ein Pass?! …Jetzt lauf halt! …Was soll denn das Rumgekicke da hinten beim eigenen Torwart?! Nach vorne, Mann!“ Fünf Minuten Später ruft zwei Reihen hinter mir jemand: „Nach vorne, Mann! Nach vorne!“ und beinahe hätte ich mich umgedreht und gerufen „Mach’s doch besser! Immer diese Leute, die meinen sie wüssten’s besser als die Spieler…!“, aber nach sekundenschneller Selbstreflexion halte ich dann doch lieber meine Klappe.

Zwischen den kleinen Jungs, die mit ihren hellen Stimmchen „Sechzig! Sechzig!“ rufen und mich an meinen Stadionbesuch mit meinem Papa erinnern und den alten Herren, die nach einigen „Raus! Raus“-Rufen beim 0:2 das Stadion verlassen, bin ich ein bisschen in meiner eigenen Welt. Eigentlich habe ich heute nur etwas über mich selbst gelernt und das ist vielleicht wichtiger als alles andere. Und ich habe gelernt, dass ich gerne wieder öfters ins Stadion gehen würde. Vielleicht mit meinem Papa. Zur Not auch zum FC Bayern.

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2 Gedanken zu “Was man im Fußballstadion lernen kann.

  1. Ja, du schreibst toll, ich finde, das könnten ohne weiteres auch Beiträge zu einer Kolumne o.ä. sein. Falls du das nicht ohnehin schon tust, wär das eine Überlegung wert, finde ich. Susanne

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