Wahlkrampf

Verzeihung für den Kalauer im Titel.

Ich bin Stadträtin für die Grünen in meinem Heimatort – allerdings ohne Mitglied zu sein. Bis jetzt hat das niemanden gestört. Dann kam der Wahlkampf.

Da habe ich mich ziemlich herausgehalten. Zwar hat mich mein Gewissen deswegen etwas gepiesackt, weil ich weiß, wie es ist, mit einem Ehrenamt allein gelassen zu werden. Aber ich stand vor dem Problem: Ich könnte niemanden davon überzeugen, Grün zu wählen. Die Reaktionen in meiner Fraktion reichten von „ich auch nicht“ bis „dann solltest du dein Mandat niederlegen“. Letzteres erscheint mir nicht schlüssig. Sicher, die Grünen bieten mir eine Plattform. Und das, was in vielen Städten und Gemeinden an der Basis passiert, finde ich vollkommen unterstützenswert. Aber auf Bundesebene fehlt mir schlicht und einfach ein Alleinstellungsmerkmal.

Naja. Jedenfalls schleppte ich mich heute Morgen zu einer so unstudentischen Zeit wie 6:15 (morgens!!!!!!) an den Bahnhof, um Flyer zu verteilen, wo dann zu 90% drin steht, was eh alle wollen: Chancengleichheit, Bildung, Kinderförderung, würdevolles Altern, Klimaschutz, … Auf das Konzept, anderen Menschen Papiermüll zu schenken, bin ich ohnehin nicht so scharf. Ich sehe zwar ein, dass man die Menschen damit nach wie vor gut erreicht, aber mindestens die Hälfte wird noch heute (ungelesen) im Papiermüll landen, die anderen 50% werden in drei Wochen zerknittert aus der Tasche gezogen.

Ich bringe Grüne Ziele lieber persönlich unter die Leute. Also durch reden. Und zwar auf Augenhöhe – das heißt, Kritik anzuhören und auch nicht auf alles eine Antwort, noch ein Argument zu haben; auch mal sagen zu können: Joa, find ich auch scheiße. Nicht dieser Papiermüllmonolog, der keine Nachfragen und Anregungen zulässt. Deswegen bin ich für den öffentlichen Wahlkampf auch nicht geeignet.

Da stehe ich also frierend am Bahnhof, wünsche allen einen guten Morgen, versuche, motiviert zu lächeln und erhasche viele mitleidige Blicke. Weil ich frierend am Bahnhof stehe? Weil ich Flyer für die Grünen verteile? Weil ich so jung und naiv bin, nicht CSU zu wählen, wie sich das in Bayern gehört? Und währenddessen denke ich mir: Ich würde viel lieber einen Blogeintrag zu den Wahlplakaten schreiben:

Meine Lieblinge sind nämlich:

Platz 4:
Sämtliche Plakate der ÖDP – weil sie mit ihren Plastik(!)plakaten den ersten Buchstaben ihres Kürzels gleich selbst entwertet haben.

Platz 3:
Die AfD-Gewerkschaft AidA wirbt mit dem Spruch „Das neue Rot der Arbeitnehmer ist Blau.“ Ich hätte da einen Vorschlag für ein neues Wahlplakat:
Dunkel wars

Platz 2:
Das darf natürlich nicht fehlen: Die FDP. Auf das H&M-Model Lindner möchte ich gar nicht näher eingehen. Dazu wurde genug gesagt. Nein, es geht mir darum:

FDP 3

Das ist mir als angehende Germanistin einfach zu krass. Ich habe überhaupt nichts gegen Englisch und mit den meisten Anglizismen gehe ich sogar auch d’accord – aber das! Da stehen vier Wörter, von denen zwei englisch, eines deutsch und eines unbestimmbar sind. Das kommt vermutlich von den Schulränzen, die der Mann mit dem Aktenkoffer um sich wirft. Über den Inhalt, diese Nashorntaktik „Erst machen, dann nachdenken“ müssen wir wohl kaum noch reden.

Platz 1:
Mein persönlicher Favorit: Die Bayernpartei mit der manifestierten Inhaltsleere.
21640867_1512493605475703_753426446276297695_o
Das Wort „alternativlos“ ist übrigens bereits seit gefühlt fünf Jahren wieder nichtwitzig, liebe Bayernpartei. Dafür finde ich die Alliteration „Merkels Murks“ sehr wohlklingend. Nur Inhalte… Die findet man hier irgendwie nicht.

Aber wo gibt’s das schon? Ob „Soziale Gerechtigkeit!“, „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ oder „Zukunft wird aus Mut gemacht“ (hat eigentlich mal jemand Nena gefragt, was die davon hält?) – Die Wahlplakate unterscheiden sich nur in den Farben. Naja, und die SPD hat falsche Zahlen drauf geschrieben. Und die AfD… Ich muss dazu nichts mehr sagen, oder? Ansonsten schaut mal hier oder hier oder hier oder…

Trotzdem, Leute. Geht wählen! Und wenn jemand Infos brauch: Ich hab noch Flyer von den Grünen zu verschenken.

Titelbild geklaut von Barbara.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s