Krisen, Kiffen und die Pharmaindustrie

Vor einigen Monaten saß ich bei meinem Psychiater. Ich fand diese Sitzungen immer recht nutzlos; alle sechs Wochen zehn Minuten reichen ohnehin nicht, um meine Probleme zu beheben. Also saß ich immer dort, sagte „naja, mal so, mal so“, nahm mein Rezept entgegen und ging wieder. Vor einigen Monaten fragte ich dann, wie es denn mit medizinischem Marihuana aussähe, immerhin gäbe es bereits einen Präzedenzfall in Deutschland, in dem medizinisches Marihuana bei Borderline verschrieben worden sei. Ich hätte außerdem lieber ein pflanzliches Notfallmedikament in der Tasche, als ständig präventiv Chemie zu schlucken.

Mein Psychiater neigte den Kopf ein wenig und sagte dann so etwas wie „schwierig durchzukriegen… Antrag… Aufwand… geringe Erfolgsaussichten…“ Er sagte also nicht: „Marihuana ist in diesem Fall eher nicht geeignet“, sondern „ist mir zu viel Aufwand“. Oder, wenn ich ihm diese Haltung nicht unterstelle: „Das System will medizinisches Marihuana nicht verschreiben.“ Allerdings fügte er direkt im Anschluss hinzu: „Wenn Sie ein Notfallmedikament haben wollen, kann ich Ihnen Tavor oder Valium verschreiben!“

Ich erzähle das nicht, um meinen Psychiater in schlechtes Licht zu rücken (im Gegenteil, ich halte ihn für sehr kompetent und außerdem mochte ich ihn!), sondern weil ich diese Kombination von Aussagen so bezeichnend finde; ohne Probleme bekomme ich so krasse Medikamente wie Diazepam oder Lorazepam, die deutlich schneller süchtig machen als Cannabis. Aber Letzteres bekomme ich nicht.

Heute hatte ich wieder eine Krise. Und sie ist, während ich diesen Text schreibe, auch noch nicht ganz ausgestanden. Der Auslöser ist irrelevant; Borderliner*innen würden meinen Bauch verstehen, alle anderen sich auf die Seite meines Gehirns schlagen und in den Chor einfallen: „Ich verstehe dich nicht! Deine emotionale Reaktion ist weder verständlich noch gerechtfertigt. Eigentlich bedürfte es hier überhaupt keiner emotionalen Reaktion.“

Inzwischen habe ich meine dauerhaft eingenommenen Psychopharmaka abgesetzt. Mein Psychiater ist umgezogen, den anderen mochte ich nicht, ich hatte keinen Bock mehr auf die Pharmakacke, ich hatte nicht den Eindruck, dass es besonders viel hilft und ich war relativ stabil. Also habe ich von heute auf morgen keine Tabletten mehr geschluckt und bin damit recht gut gefahren. Hin und wieder habe ich – wie aber bereits vorher – in Krisen Tavor genommen. Bis ich in der vierten oder fünften Semesterwoche gemerkt habe, dass ich keine Texte mehr verstehe, weil ich am Ende des Satzes nicht mehr wusste, was am Anfang stand.

Das mit dem Tavor, das müsst ihr euch so vorstellen: Ihr werdet unheimlich gleichgültig und etwas langsam. Also vor allem im Denken. Keinen Gedanken kann man mehr als drei bis fünf Sekunden behalten. Jedenfalls wirkt es bei mir so. Und die Situation mit den Texten für die Uni fühlte sich ganz genau so an, nur etwas schwächer. Obwohl ich wochenlang zuvor kein Tavor mehr genommen hatte. Es mag ein Zufall sein, wahrscheinlich besteht da kein biologischer Zusammenhang (andererseits: wer weiß?), aber die Verknüpfung in meinem Unterbewusstsein ist jetzt da. Und sowohl Pla- als auch Noceboeffekt funktionieren bei mir ausgezeichnet. Darum kommt es für mich nur noch in den allerallergrößten Notfällen in Frage. Also eigentlich nie.

Eine Krise sieht bei Borderliner*innen so aus: „Mein Leben ist scheiße, ich bin scheiße, die Welt ist scheiße. Aber nichts ist so scheiße und wertlos wie ich. Ich bekomme absolut nichts auf die Reihe, nicht einmal meine Gefühle kann ich kontrollieren. Ich ticke ständig wegen nichts aus und überhaupt bin ich scheiße und wertlos und nutzlos und dumm und hässlich und unbeliebt und unliebenswert und scheiße und alle hassen mich. Die Welt wäre viel besser dran ohne mich. Und ich wäre dann auch besser dran, weil ich so scheiße bin.“ Gib dir diese Gedanken mal eine halbe Stunde lang, irgendwann glaubst du sie. Und das alles muss raus aus dir. Muss wüten und toben und dich selbst und die Welt bestrafen für deine und ihre Existenz.

Mir bleiben in so einer Situation also folgende Optionen:

  1. Skills anwenden. Skills sind Verhaltensweisen oder Hilfsmittel, um einen von diesem Trip wieder runterzubringen. Das reicht vom Lesen und Igelballkneten über Tabascotrinken bis Ammoniakinhalieren. Jede*r hat da so die eigenen Skills, es geht darum, sich und vor allem seine Emotionen abzulenken. Die Frage ist nur, wie viel Emotion diese „empfohlenen“ Skills abfangen können. Im weiteren Sinne gehören alle folgenden Punkte auch dazu.
  2. Tavor nehmen. Und mich damit der (eingebildeten oder tatsächlichen) Gefahr auszusetzen, mein Gehirn dauerhaft zu lähmen. In jedem Fall aber pumpe ich meinen Körper mit Gift voll, das mich jederzeit abhängig machen könnte. Dieser Punkt gehört aber, im Gegensatz zu den folgenden, noch zu den psychologisch anerkannten „Skills“.
  3. Arme aufschneiden. Auch das ist ein Skill, nur eben keiner, der gerne gefördert wird. Im Gegenteil, er wird oft verteufelt. Solange man nicht tief schneidet und keine Infektion riskiert, ist das aber, meiner Meinung nach, für den Körper deutlich weniger schädlich, als Tavor zu schlucken.
  4. Alkohol trinken. Wer dauerhaft bzw. wiederholt trinkt, damit es ihm oder ihr besser geht, riskiert, Alkoholiker*in zu werden. Das ist wohl kein Geheimnis. Aber gesellschaftlich anerkannt.
  5. Gras rauchen. Aber woher nehmen, wenn nicht illegal kaufen? Meinen Traumberuf könnte ich mit einem BtmG-Eintrag an den Nagel hängen (man darf dann nämlich nicht mehr mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, wenn man einmal mit einer auch nur winzigen Menge erwischt wurde) und abgesehen davon hat man doch bei Schwarzmarktware keine Ahnung, was wirklich drin ist. Für Menschen mit psychischen Erkrankungen wäre außerdem ein hoher CBD-Gehalt viel wichtiger als ein hoher THC-Gehalt. Dabei hätte es eine ähnliche, aber abgemilderte Wirkung wie Tavor. Ich würde mich auf meine Terrasse setzen, gemütlich einen rauchen und entspannen. Natürlich ist der Ansatz, immer zu kiffen, wenn es einem schlecht geht, nicht viel anders als Alkohol zu trinken. Aber Marihuana würde im Gegensatz zu Alkohol gezielter wirken.

Also was tun, wenn Igelbälle und Schreiben und Ammoniak nicht mehr helfen? Mich einweisen lassen? Damit sie mir dort die Medikamente aufzwingen, die ich hier nicht nehmen möchte? Und dabei auch noch eingesperrt sein?

Dieser Text ist nicht ganz das geworden, was er werden sollte. Aber strenggenommen sollte er gar nichts werden. Er sollte mich beruhigen; mich dazu bringen, keinen der Punkte zwei bis fünf anwenden zu müssen. Die Wirkung dieses Textes auf mich wird nur ein oder zwei Stunden anhalten, danach beginnt die Suche, beginnt der Kampf von Neuem, aber es ist ein Anfang.

P.S.: Fuck the pharma industry!

2 Gedanken zu “Krisen, Kiffen und die Pharmaindustrie

  1. ähm… Es gibt da liebe Sophie auch noch andere „Skills“ außer denen die du beschrieben hast. Statt die Emotionen zu vermeiden/wegrennen (weil sie ja wehtun) – [ich neig ja zu überessen und computerspielen 😉 ] sie zu fühlen … aber im größten schmerz geht das nicht. Sie nicht zu bewerten. Ge(h)Fühl.
    Aber das ist harter weg, unsere Eltern habens nicht geschafft sich ihren Emotionen zu stellen, dem Schmerz der Wunde der brennt zu heilen. Und es ist unangenehm warscheinlich erst mal…
    Spür ihn (schalt den Kopf aus der immer nur Bullshit labert wenns um Gefühle geht – ich weiß ist leichter gesagt als getan) Beobachte den Gedanken und verbann ihn wieder.
    Dieses Video fand ich hilfreich: https://www.youtube.com/watch?v=8ImnAY7j4yQ

    p.s. Fuck the Pharma Industry"!

    Liken

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