La Serenissima

Etwa acht Minuten nachdem ich meinen Freund in seinen Zug nach Hause gesetzt habe, stoße ich mit zwei Nazis zusammen. Da hat man Deutschland gerade verlassen und stolpert über Glatzköpfe mit dezentem Hakenkreuztattoo. Weil ich gerade echt anderweitig beschäftigt bin – mein Freund ist gerade heimgefahren! Und ich werde ihn wochenlang nicht sehen! Hallo?! -, bekomme ich nicht einmal mit, in welcher Sprache die beiden mich anpöbeln, geschweige denn, was sie von mir wollen. Aber zwei Schränke, doppelt so breit wie ich und zweieinhalb Köpfe größer, die mich abends um zehn anquatschen, auf mich zeigen und sich dabei offensichtlich sehr cool fühlen, finde ich prinzipiell nicht besonders vertrauenserweckend.

Seit sechs Tagen bin ich in Venedig, nächste Woche beginnt die Uni. Ein Semester in der schönsten Stadt der Welt – wenigstens meiner Welt – che bello! Meraviglioso! Auch wenn ich die erste Zeit gemeinsam mit meinem Freund in einem urlaubsähnlichen Zustand hier verbracht habe, ist mein Blick auf die Stadt schon ein anderer geworden: Wo ist die nächste Apotheke, wie viele verschiedene Wege gibt es zur nächsten Vaporettostation, wie umgehe ich den Trubel vor der Ponte dei Sospiri und was zur Hölle machen die ganzen Touristen hier! Ok, Letzteres habe ich mich schon immer gefragt. Und mir, wenn ich ehrlich bin, auch selbst beantwortet – schließlich bin ich selbst eine von denen.

Aber ganz ehrlich – Selfies vor der Seufzerbrücke? Nur weil sie bekannt ist? Kennt ihr eigentlich den historischen Hintergrund? Und wenn nicht – warum nehmt ihr nicht eine der 425 anderen Brücken? Die meisten davon sind viel schöner! Menschenmassen gefallen mir in München überhaupt nicht. Und nur weil es Venedig ist, ist das hier nicht unbedingt anders. Und weil ich nicht mit diesem Touristenpack in einen Topf geschmissen werden möchte, versuche ich, italienisch zu sprechen. Allerdings ist die Unterrichts- und Verkehrssprache an meiner Uni Englisch. Das hat Sätze wie „you have to… attraversare… il Brücke“ zur Folge. Aber die Nachbarskinder helfen mir beim Italienischlernen: Ich kann jetzt „Non sono stata io!“ (Ich war’s nicht!), „Non l’ho fatto!“ (Das hab ich nicht gemacht!) und „Non ho fatto niente!“ (Ich hab nichts gemacht!)

Im Dunkeln auf dem Vaporetto mit den beiden Nazis hilft mir das allerdings wenig. Ich gucke an mir herunter, ob ich irgendetwas politisch… Eindeutiges anhabe, irgendwie auffalle, eine Regenbogenflagge um die Hüften gewickelt habe oder so. Niente. Ich brauche ganze fünf Minuten, um zu kapieren, dass meine Dreadlocks wohl Anlass genug gewesen sein könnten. Die beiden Nazis haben sich nach einigen Touri-Selfies und seltsamem Rumgehopse an das andere Ende des Bootes verzogen. Das beruhigt mich. Allerdings nur so lange, bis ich aussteigen möchte, denn die beiden reden miteinander, sehen mich an und machen Anstalten, mir zu folgen.

Ich schätze, man ist in Venedig angekommen, wenn man das Gassengewirr nicht mehr als Labyrinth sondern als schützenden Rückzugsort wahrnimmt. Wenn man weiß, dass man schnell um zwei Ecken biegen kann und aus dem Sichtfeld ist. Wenn man weiß, dass auf dem Weg im Notfall noch zwei Bars und zwei Restaurants geöffnet haben. Wenn man sich einbildet, dass Venedig, la Serenissima, einen leise verschluckt, und man im Dunkeln unbelästigt in seinen Innenhof schlüpft.

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