Nonnen, Busfahrer, Schatzsucher

Mein Akzent muss grausam sein, mein aktiver Wortschatz scheint sich auf gefühlt 150 Wörter zu beschränken und grammatikalische Regeln wende ich überaus kreativ an. Und dennoch habe ich das Gefühl, einen Durchbruch gehabt zu haben: Ich habe mit Italienern auf Busse geschimpft.

Weil es recht teuer ist, die alltäglichen Lebensmittel auf der Insel zu kaufen, bin ich nach Mestre aufs Festland gefahren. Mestre scheint die hässlichste Stadt der Welt zu sein. Der Eindruck könnte daraus entstehen, dass Insel-Venedig die schönste ist – jedenfalls zieht mich nichts dorthin außer dem Lidl. Jetzt stehe ich mit 21,7 Kilogramm Gepäck (ich habe nachgerechnet!) an der Bushaltestelle und mein Bus ist gerade vorbei gefahren, ohne zu halten. Ich habe den Eindruck, ich würde nur eine Handvoll Wörter verwenden: machen, Ding, gehen, haben, kommen, was, Bus, Venedig, nicht, ja, nein. Aber offensichtlich werde ich verstanden, denn auf den Gesichtern der italienischen Familie, die genauso angepisst ist wie ich, zeigt sich mit einem Mal ein Leuchten. Ob ich aus Deutschland komme, warum ich soviel Gepäck habe, wo ich wohne, wollen sie wissen. Und trotz meiner holprigen Sprechversuche scheinen mich alle zu verstehen – und ich behalte sogar Recht mit meiner Vorhersage, wann der nächste Bus kommen wird.

Auf dem kleinen Vaporetto – auf der Linie 5.1 fahren immer die angsteinflößend tiefliegenden Boote – stehe ich aus Platzgründen mit meinem überdimensionierten Rucksack auf der Treppe, als zwei ältliche Nonnen aussteigen wollen, die eine die andere stützend. Weil es so wackelig ist und ich das Geländer blockiere, biete ich den beiden meinen Arm als Halt an. Auch deren Gesichter beginnen zu leuchten, auch sie wollen wissen, wo ich mit dem Gepäck hin möchte und wo ich studiere, ob ich Erasmus mache. Wieder äußerst holprig beginne ich zu erklären, was für eine Art Universität die Venice International ist, als mir die weniger alte von beiden erzählt, dass bei ihr ein Mädchen wohne, das auch dort studiert. Überschwänglich bedanken sie sich, als sie das Schiff verlassen.

Auf mich als ungetauftes Heidenkind, das in einer evangelischen Kirche aktiv ist und tatsächlich die Bibel gelesen hat, wirkt der Katholizismus nicht besonders seriös. Der ganze Hokuspokus um Wein und Brot und so fremde Gedankengänge zu Zölibat und Verhütung wirken sehr absurd, wenn man nicht damit aufgewachsen ist. Aber die Gemeinschaft, die dabei entsteht, gibt einem doch Halt. Und diese beiden Nonnen haben so viel Liebe ausgestrahlt, dass sogar ich mich eingeschlossen gefühlt habe.

Tatsächlich war ich letzten Sonntag sogar im Gottesdienst – natürlich in einem katholischen, denn laut Reiseführer sind 98% der Venezianer katholisch. Und es war sogar schön und interessant und ich habe erstaunlich viel von der Predigt verstanden: Es ging um das Theodizeeproblem. Die Antwort darauf habe ich leider nicht verstanden (vielleicht weil sie nicht existent war?), aber insgesamt hat mir die Predigt durchaus gefallen. Ich fürchte nur, dass wir uns dort nicht mehr blicken lassen dürfen, denn wir beide haben das Glaubensbekenntnis nur zum Teil mitgesprochen (sonst wäre es ja eine Lüge, denn ich glaube nicht an die heilige römische Kirche und lügen soll man ja nicht), das Vater Unser gar nicht (Sprachbarriere) und beim Abendmahl sind wir sitzen geblieben (Nicht-Katholiken sind davon ja ausgeschlossen). Gott hätte sicher nichts dagegen, wenn wir wieder kommen würden, aber der Messdiener hat uns böse angeguckt.

Aber sonst sind die Begegnungen mit der seltenen Spezies der Venezianer sehr positiv verlaufen. Auf Lido zum Beispiel saßen wir nachts ziemlich alleine am Strand und dummmerweise haben beide meine Feuerzeuge gleichzeitig ihren Dienst quittiert. Der einzige andere Mensch in der Nähe war mit Metalldetektor und Schaufel auf der Suche nach Schätzen. Äh, nach Müll. Nach Kronkorken zum Beipiel. Als wir ihn nach einem „accendino“ fragten, sagte er grinsend, er habe bisher noch keines gefunden, bringe uns aber eines vorbei, sobald er eines aus dem Sand ausgebuddelt habe. Zwei Minuten später hatten wir ein neues Feuerzeug. Die wahren Schätze sind eben die kleinen Dinge. Oder so.

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