Our Island – Our City – Our Canal

Es hat nicht lange gedauert, bis wir – und damit meine ich eigentlich alle Kommiliton*innen, mit denen ich näher zu tun habe – eine zynische, Donna Leon’sche Sicht auf den Tourismus entwickelt haben, obwohl wir doch selbst wenig mehr als Touristen sind:

Opfert kleine Kinder, treibt die Einwohner zusammen und verkauft sie als Sklaven, massakriert alle wahlberechtigten männlichen Bürger, bring Jungfrauen auf den Altären der Götter dar: Tut das alles und mehr, aber rührt mir weder Touristen noch den  Tourismus an. Das Schwert des Mars war nicht so mächtig wie ihre Kreditkarten; sie waren die wahren Eroberer.

Letzte Woche haben wir nämlich bitter erfahren müssen, dass unsere geliebte Insel San Servolo neben unserer geliebten Venice International University auch noch ein Tagungszentrum beherbergt. EIN TAGUNGSZENTRUM! AUF UNSERER INSEL! Das hat nun zur Folge, dass man sich morgens auf dem Vaporetto gegen einen Haufen desorientierer, begriffsstutziger, meist deutsch- oder englischsprachiger Vollpfosten durchsetzen muss, die nicht begreifen, dass man sich an einer Endstation nicht vordrängeln muss, da ohnehin alle Fahrgäste aussteigen. Weil die immer gleichen Tagungsbesucher aber wöchentlich wechseln, ist ein Lerneffekt quasi ausgeschlossen. Und die haben unsere Insel überrannt. Che cattivi!

Allgemein hat sich im Laufe der ersten Unterrichtswochen ein gewisses Maß an Desillusionierung breit gemacht. Anfangs leuchtende Augen sind inzwischen eher unter Ringen versteckt und die allgemeine Begeisterung hat angesichts des Arbeitsaufwands etwas nachgelassen. In meinem Fall sichtbar daran, dass ich ein Drittel meiner Kurse abgewählt habe. Auf meinem wochenendlichen Ausflug in die Berge habe ich aber irgendwie auch gemerkt, dass ich gar nicht das ganze Semester hinter dem Schreibtisch verbringen möchte, selbst wenn ich das schaffen würde.

Folglich habe ich auch den folgenden Freitag, der bei uns immer unterrichtsfrei ist, nicht im Studierzimmer verbracht, sondern auf einem Kurztrip nach Ravenna. Obwohl das am häufigsten verwendete Wort unseres Guides „rush“ war – wir hatte etwas zu viel Programm für etwas zu wenig Zeit – war das die beste geführte Tour die ich jemals hatte, allein wegen unserer quirligen Stadtführerin, die nur zu gerne kleine Spitzen gegen Venedig eingebaut hat; immerhin profitierte Venedig im Mittelalter maßgeblich davon, dass Ravenna durch Versandung, Sümpfe und Malaria in der Bedeutungslosigkeit versank. Das hatte allerdings den Vorteil, dass die Mosaike in den Kirchen Ravennas seit etwa 1500 Jahren unberührt geblieben sind, während sie anderswo mitleidlos vernichtet wurden, als sie aus der Mode kamen.

Zurück in Venedig widmen wir uns wieder der venezianischen Kultur, wir haben nämlich etwas Essentielles herausgefunden! Wenn man an der Bar nach „Ombra“ fragt, bekommt man den Hauswein für 1,20€. Also so ein rotes oder weißes Gebräu aus einer unbeschrifteten Flasche von unter der Theke. Das erste Glas davon schmeckt eher mäßig, das zweite ganz ok und das dritte ist eigentlich ziemlich gut. Und das beste: Es gibt Studentenrabatt! Bei der Gelegenheit haben wir auch gleich einmal ausgetestet, wie gut in Venedig (vermeintlich) lesbische Pärchen ankommen. Sagen wir, die Begeisterung hat sich in Grenzen gehalten, aber wir mussten die Bar nicht verlassen und eine Britin hat uns ununterbrochen angestrahlt.

Auch nicht verlassen mussten wir übrigens die Kirche, in der wir diesen Sonntag waren; es war aber auch eine andere als beim letzten Mal: San Pantalon. Das ist zwar sicher ein Eigenname, klingt aber wie „Heilige Hose“. Oder akkurater: „Heiliges Hosenbein“. Der Pfarrer dort predigte viel davon, dass der größte Skandal pseudo-christliche Scheinheiligkeit sei und dass man andere mit offenen Herzen empfangen sollte. Anschließend schenkte er Kaffee aus – „für die, die ihn brauchen, und für die, die ihn wollen.“

Danach hatten wir das mit den offenen Herzen auch schon wieder vergessen und gingen auf die Demo gegen Kreuzfahrtschiffe in Venedig. Diese Monster, höher als alle Palazzi, breiter als der Canal Grande und so lang wie San Michele, ganze schwimmende Städte, verschandeln jeden Tag das Ambiente dieser wunderschönen Stadt. Natürlich geht es dabei um mehr als nur die Ästhetik. Abgesehen von den Strömen an Touristen, die bei ihrer vierstündigen Powertour durch Venedig nicht mehr Geld in der Stadt lassen als 1,70€ für ein Eis, ist das ganze doch pervers: Venedig geht unter. Es leidet unter dem steigenden Wasserspiegel, extremerem Wetter und Verschmutzung. Und es ist wohl kein Geheimnis, dass Kreuzfahrtschiffe nicht gerade zur Verbesserung des Klimas beitragen. Aus Protest okkupierten Hunderte von Leuten zu Boot, zu Gondel, zu Luftmatratze mit „No Grandi Navi“- und „Stoppt Stuttgart 21“-Flaggen (sic!) den Giudecca Canale und den Zattere.

Für die meisten Schaulustigen auf den Kreuzfahrtschiffen schien das eher ein großes buntes Festival zu sein, denn wirklich aufhalten lassen haben sich die Monster nicht, aber für uns war es ja auch irgendwie ein Vergnügen. Unsere halbe Uni hat sich dort vor Ort eingefunden und so konnten wir bei Spritz und Ombra in einem Sprachenmischmasch aus Italienisch, Englisch und Deutsch auf die Touristen schimpfen. Das mit meinem Italienisch wird übrigens langsam: „La nostra isola – la nostra città – il nostro canale!“ – Aber lasst die Herzen schön offen!

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s