Hermine und ihr Borderliner

Bevor ich mich auf den Weg nach Italien gemacht habe, war ich gut sieben Monate in Psychotherapie. Als ich die im Januar angefangen habe, habe ich die meisten Kriterien für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung erfüllt. Als ich die Therapie Ende August abgeschlossen habe, trafen noch fünf der neun Symptomgruppen auf mich zu – damit konnte ich nur „gerade noch“ als Borderlinerin diagnostiziert werden, denn bei weniger als fünf gelten die Beschwerden offiziell nicht mehr als Krankheit (über den Sinn dieser Einteilung kann man natürlich streiten…) Seitdem ich in Italien bin, bin ich demnach keine Borderlinerin mehr.

Das ist für mich gar nicht so toll, wie sich das jetzt erst einmal anhört. Klar, viele Beschwerden sind nicht mehr präsent, aber immerhin habe ich mich mit dem Label „Borderline“ ganz wohl gefühlt, es ist Teil meiner Identität geworden. Schon verrückt, denn eine instabile Identität ist ja gerade eines der Symptome.

Jetzt aber scheint es, als hätte ich meinen inneren Borderliner zu Hause gelassen, so wie man ein Haustier nicht mit zu seinem Auslandssemester nehmen kann. Ich weiß, es ist noch da, aber sehr weit weg und man nimmt es nur durch einen Filter (Fotos, Erzählungen, das Bellen am Telefon) wahr. Mein Borderliner ist auch noch da, aber er hat hier keine Macht.

Zum Beispiel habe ich in Deutschland mich selbst immer nur nach dem letzten Erlebnis bewertet – simples Beispiel: Habe ich eine gute Note bekommen, dann war ich mit meinem Selbst zufrieden. War es eine nicht ganz so gute Note, habe ich mich für ein inkompetentes, hässliches, dummes Arschloch gehalten. Hier bin ich ich. Ich habe zwar noch nicht herausgefunden, was genau das bedeutet und wer ich denn nun genau bin, aber ich habe mehr das Gefühl, mit mir selbst im Reinen zu sein. Mein Borderliner mault immer noch rum, wenn ich etwas nicht so hinbekomme, wie ich will, aber ich kann ihm dann sagen, er soll die Fresse halten. Und dann heult er nur noch leise.

Vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich hier einen Neuanfang hatte. Neue Umgebung, neue Leute, neue Erfahrungen. Hier bin ich nicht nur „Sophie“, hier bin ich auch „Hermine“ und „SophieMaps“. Hier schätzen mich die Leute für meine Klugscheißerei und meinen Ehrgeiz und auch dafür, dass ich manchmal etwas zu laut bin – jedenfalls scheint mir das so zu sein. Als ich meine taiwanesische Freundin neulich fragte, ob sie Harry Potter kennt, antwortete sie: „Sure! When I told my Mum about you I said you’re like Hermione!“

Also bin ich hier mehr als nur die Borderlinerin. Klar, ich habe noch Wutanfälle und Stimmungsschwankungen und auch irrationale Ängste, meinen Freund zu verlieren, der mir doch das Wichtigste in der Welt ist. Aber ich sehe, dass ich so empfinde, lächle und sage meinem Borderliner, dass er das schon so machen kann, aber dass mich das nicht interessiert.

Ich stehe hier oft ziemlich unter Stress, weil die Uni doch deutlich mehr Arbeit ist als in München. Ich weiß, wie es sich anfühlt, kurz vor einem Burn-Out zu stehen, und das ist hier nicht besser als zu Hause. Aber ich habe mehr Macht, meine Situation selbst zu gestalten. Ich habe auch manchmal Schlafprobleme und ich hatte eine Panikattacke, aber meine Probleme sind nur noch einzelne Tupfer in einem großen Gesamtbild und nicht mehr das Hauptmotiv.

Venedig ist schon mehr zu meinem Alltag geworden als ich es wollte. Ich weiß das Meer, die Kanäle, Schiffe und Brücken kaum noch zu schätzen. Nur abends, wenn ich laufen  gehe und den „sottoportego“ in Richtung Salute durchquere und der mächtige Kirchenbau vor mir auftaucht, erinnere ich mich daran, wie schön es hier ist. Aber es ist nicht mehr diese Begeisterung, die weh tut. Die ist genauso wie die Verzweiflung, die weh tut, zu Hause geblieben.

Mir fehlt die Selbstbestimmung an der LMU – wir haben hier Anwesenheitspflicht und benotete „weekly reading notes“ – , mir fehlt der Wald und mir fehlen glückliche Hunde. Mir fehlt auch mein Freund und es fehlt mir, sich abends mit Freunden in die Cordobar zu chillen. Es fehlt mir, Lagerfeuer zu machen. Aber mein Borderliner, der braucht mich nicht besuchen zu kommen.

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