Das ist Kunst!

Weil ich jetzt ja Hermine genannt werde, habe ich angefangen, in der Bibliothek der Venice International University auszuhelfen:

 

 

Naja, das ist leider nicht unsere Bibliothek, sondern die durchaus sehenswerte Touristenattraktion „Libreria Acqua Alta“, ein Buchladen, der… Guckt es euch einfach selber an! Natürlich habe ich auch nicht deshalb in der Bibliothek meiner Uni angefangen, weil ich Hermine genannt werde, sondern weil man dafür mit Essen bezahlt wird – das ist meine Lieblingsbezahlung! Naja, und weil sie Studenten brauchen, die ein oder zwei Stunden die Woche aushelfen, damit die kleine, schlichte Bibliothek mit ihren 6.000 Büchern und DVDs die ganze Woche über offen haben kann.

Nach der ersten Phase der Stagnation erkunde ich jetzt wieder etwas mehr die Stadt. Letztes Wochenende war ich beispielsweise im Viertel Castello, das einen ganz anderen Charme hat als Dorsoduro, wo ich lebe. Die Kanäle sind breiter, immerhin wurden dort damals Kriegs- und Handelsschiffe produziert, die irgendwie zum Meer kommen mussten. Und authentischer ist es, wenn man das so sagen kann – es gibt nur etwa ein Café pro Gasse und dazwischen stehen Häuser, die so aussehen, als wohnten es darin noch echte Menschen. In diesem Viertel wurde letztes Wochenende die neue Saison des „Morion“ eröffnet, eines alternativen, besetzten Raumes, der sich dem Antifaschismus und allen möglichen Formen von Kunst verschrieben hat. Bei der Veranstaltung, einer Diskussion mit dem Autor des Buches „Naziitalia“, von der ich zugegebenermaßen nicht alles verstanden habe, ging es um Formen und Bewegungen des Faschismus heute. Interessant dabei war, dass Antifaschismus hier deutlich weniger links besetzt ist, sondern vielmehr auf einer anderen Achse gedacht wird, nicht in links-rechts. Hier wird auch Kritik gegenüber Linksradikalismus geübt – ich habe das mal in München im Marat probiert und wäre beinahe rausgeworfen worden – , ich vermute, das liegt daran, dass man Italien die sehr aktuelle Erfahrung gemacht hat, wie schnell aus links (ja, die Partei Movimento 5 Stelle ist eigentlich links…) eine rechtsnationale Regierung (in der Koalition mit der Lega) geworden ist.

 

 

Meine naive Freude über die politische Haltung der Linksalternativen in Venedig wurde allerdings zerstört, als ich mich nur wenige Tage später mit einem Venezianer unterhalten habe, der mir erzählte, dass die Linke in Venedig so zersplittert ist, dass sich die Gruppe vom Morion mit den Leuten von St. Marta streitet und beide wiederum mit anderen. Aber da ich nicht vorhatte, mich der venezianischen Antifa oder sonst einer semiseriösen Gruppe anzuschließen und bis jetzt alle nett zu mir waren, will ich mich nicht beschweren.

Übrigens trifft man diese Deutschen tatsächlich überall. Zum Beispiel diese Gruppe durchgedrehter Mannheimer Design-Studenten auf Uni-Exkursion, denen ich dann irgendwie die ganze Woche über den Weg gelaufen bin. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon erwähnt habe, dass es in Venedig streng verboten ist, im Kanal zu baden – ich fand das bisher nicht besonders relevant, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass da drin jemand baden will, aber diese liebenswerten Vollpfosten haben es ausprobiert. Und am nächsten Tag haben sie gleich noch herausgefunden, dass man 200€ Strafe zahlen muss, wenn man im Bikini auf dem Markusplatz liegt. Auch wenn das Kunst war, es musste weg.

Nicht deutsch sondern finnisch waren dagegen die Jugendlichen, die in Banden durch Castello und Cannaregio gezogen sind: Banden von Sängerinnen. In Gruppen von 10 oder 12 haben sie acappella und ohne Dirigent*in wunderschön performed, um sich die Reisekasse ein bisschen aufzubessern. Bei der dritten Gruppe habe ich dann doch einmal nachgefragt, wer sie sind, und wurde prompt zum Eröffnungskonzert des internationalen Chorwettbewerbs eingeladen. Das war übrigens öffentlich und gratis – schade, dass nur so wenig Publikum da war. Und so habe ich dann auch noch die sonst kostenpflichtige Basilica Santi Giovanni e Paolo von innen gesehen.

Was von innen übrigens auch echt schön ist, ist der Dogenpalast. Und ich glaube, dass da tatsächlich für alle was dabei ist: Geschichte, Architektur, Kunst, Geheimgänge, Kerkerzellen und natürlich die berühmte Seufzerbrücke. Von innen ist sie übrigens schöner als von außen, weil man aus dem mäßig hübschen Ding auf die viel hübschere Umgebung gucken kann. Leider war unser Guide etwas mehr in die Gemälde vernarrt als ich – interessant war es ja, aber ich hätte lieber jeden Winkel des Gebäudes inspiziert als über die verschiedenen Allegorien Venedigs in der Malerei der Renaissance aufgeklärt zu werden. Im Übrigen ist der Palazzo Ducale einer der Orte, die auf Farbfotos überladen und ausdruckslos aussieht. Also guckt es euch lieber selber an – da die Eintrittskarte auch noch für drei andere Museen gilt, sind 10€ (bzw. für Studierende weniger) auch gar nicht so teuer. Wer jetzt trotzdem was sehen will, kann hier meine Fotos angucken:

 

 

Ansonsten trabt mein Leben so vor sich hin. Wie immer, wenn ich den Borderliner in mir anzweifle, bäumt er sich wieder auf. Außerdem haben die hier so seltsame Erfindungen wie Midterm Exams und Anwesenheitspflicht, worauf ein durchschnittlich fleißiger LMU-Student einfach nicht so ganz klar kommt. Und bei dem Wort „Midterm“ fällt einem dann doch auf einmal auf, dass die Zeit hier schon fast halb vorbei ist, wie viele Kirchen und Museen ich noch besuchen will, dass ich erst vier oder fünf Mal feiern war und dass ich schon wieder lieber einen Blogartikel geschrieben habe, als für die Prüfung morgen zu lernen.

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