Tod (einer Ratte und Hochwasser) in Venedig

Nein, das wird kein Erguss über Literatur, ich kann Mann nicht für mehr als zwei Seiten am Stück folgen und ich werde keine weiteren schlechten Wortspiele machen. Nein, mir fällt nur einfach kein Titel ein. Ich bin offen für Vorschläge!

Es gibt Ereignisse, die alles andere unwichtig erscheinen lassen. Dass das Hochwasser einen meiner beiden Hausschuhe geklaut hat, macht mir einen kalten Fuß. Dass meine letzte Ratte gestorben ist, macht mir ein gebrochenes Herz. Um das Hochwasser geht es deshalb erst weiter unten, zuerst will ich, muss ich, mich von meinen kleinen Freundinnen verabschieden.

„Es ist ja nur ein Haustier, nur eine Ratte!“, mag manch einer einwenden, aber das kann nur jemand sagen, der noch nie ein Haustier hatte. Diese kleinen Nachkommen von Laborratten können jedes Menschenherz in ihren Pfötchen halten. Meine Ratten haben mich in die Uni begleitet und sogar beim Musical „Hair“ in der Jesus-Christus-Kirche mitgespielt. Karla hat hunderte Male versucht, vom Bett auf den Schreibtisch zu springen, egal wie oft sie dabei gegen die Wand geknallt ist – und irgendwann hat sie es geschafft. Friederike hat Blumenerde in den Verstärker meines Freundes gekippt, nachdem sie sich neunzig Zentimeter eine senkrechte, runde Metallstange hochgezogen hat. Rosa hat versehentlich meine Anti-Baby-Pille gefressen und Cherry ist drei mal von einem zwei Meter hohen Schrank gesprungen. Die Kleinen haben ein Telefonkabel und mehrere Computermäuse auf dem Gewissen; mein Rucksack, mein Geldbeutel, die Knöpfe meiner Strickjacke, meine Wärmflasche, meine Brille, meine Lieblingsjeans und etliche andere Dinge haben Bissspuren. Die Viecher sind hartnäckig. Und sie haben Charakter und Herz.

Ich habe meinen Ratten möglichst viel Freilauf gegeben, wenn auch weit nicht so viel, wie ich es gerne getan hätte. Als sie klein war, hat sich Cherry immer durch die 1,5 cm breiten Gitterstäbe gequetscht, sodass ich alles nachrüsten musste. Sich durch Durchgänge zu quetschen, die nicht dafür gedacht waren, hat sie immer gerne gemacht, auch wenn sie mit ihrem Tumor hängen geblieben ist, der zum Schluss ein Drittel ihres Körpervolumens ausgemacht hat. Sie ist zwei Jahre und zwei Monate alt geworden, das ist für eine Ratte ziemlich viel. Und selbst als ich nach zwei Monaten Auslandsaufenthalt zurückkam, hat sie mich bedingungslos zurückgenommen, mich angekuschelt und in meinem Ärmel geschlafen – wohingegen der Hund mich geflissentlich ignoriert hat. Mit diesem Hund hat Cherry übrigens auch viel Zeit verbracht, nachdem ihre drei Schwestern gestorben waren.

 

Jedes Mal, wenn eine meiner Ratten gestorben ist, war ich traurig. Die erste, Rosa, einzuschläfern, war heftig, bei Karla und Friederike war ich schon abgehärtet. Aber Cherrys Tod hat mich noch einmal ziemlich getroffen. Meinen sechstägigen Heimaturlaub habe ich zu großen Teilen damit verbracht, mir den Kopf und mein Herz zu zerbrechen, ob und wann ich sie einschläfern lasse. Das ist eine Entscheidung, die man nicht treffen will. Cherry war bis zum Schluss noch fit und neugierig, hat gefressen, gekuschelt und erkundet. Aber der Tumor wurde so groß, dass die Haut zu reißen drohte. Wenn das passiert wäre, hätte sie unheimlich gelitten, und das abzuwägen, hat mich nächtelang beschäftigt. Dass die Tierärztin heute gesagt hat, dass man den Zeitpunkt nicht besser hätte treffen können, beruhigt mich ein bisschen, aber es macht mich auch melancholischer, weil es mir zeigt, was für einen guten Draht Cherry und ich doch noch zueinander hatten, denn immerhin habe ich den Termin schon vor einer Woche festgesetzt. Und jetzt fehlt sie mir unheimlich. Mein Mitbewohner sagt, dass die letzte besonders schlimm ist. Der leere Käfig ist unerträglich.

Aber diesen Käfig muss ich glücklicherweise nicht sehen, meine Mutter hatte sich ja zu Hause liebevoll um sie gekümmert, seit ich in Venedig bin. Und in Venedig geht es weiter. Auch wenn mein Mitbewohner während meiner Abwesenheit alleine das Hochwasser und seine Folgen bekämpfen musste und die kritische Phase vorbei ist, gehen wir hier inzwischen immer mit zwei Paar Schuhen aus dem Haus: Gummistiefel für unterwegs und was Bequemeres für die Uni. Für Menschen wie mich, die normalerweise nie mehr als zwei Paar Schuhe parallel in Benutzung haben, ist das komisch. Romantisch ist Acqua Alta übrigens nur, solange es nicht zur Haustür hinein läuft.

Vergangene Woche gab es in Venedig das höchste Hochwasser seit zehn Jahren, das zweithöchste seit der Jahrhundertflut von 1966, die hier immer noch mit Schrecken verbunden ist – bei denen, die sich daran erinnern, und bei denen, die davon gehört haben. Dass Venedig untergeht, ist kein Geheimnis. Es wird mit doppelter Geschwindigkeit vom Wasser erobert, weil das Fundament langsam, aber unaufhaltsam im Schlick versinkt – „Venice was built in a stupid place“, wie es unser Dozent ausdrückt – und weil der Meeresspiegel ständig steigt und es momentan nicht so aussieht, als hätten die richtigen Leute Interesse daran, diesen Prozess aufzuhalten.

Um Venedig zu retten, hat man viel, sehr viel Geld in das „MOSE“-System gepumpt. Das sind mobile Dämme, die die Lagune komplett von der Adria abschneiden können. Nur leider war das etwas kurz gedacht: Würde man die Lagune dauerhaft isolieren, würde sie versanden, versumpfen, Flora und Fauna würden leiden, kurz: Die Lagune würde sterben, wenn sie nicht durch die Gezeiten durchspült würde. MOSE kann also weder gegen den steigenden Meeresspiegel noch gegen das Sinken der Fundamente etwas ausrichten. Na gut, dachte ich, wenigstens die gefährlichen, „extraordinary high tides“ kann man damit aufhalten. Naja:

 

Das Wasser hat beispielsweise die Vaporettostation an unserer Uni ruiniert – die Holzpfähle, an denen die Station verankert ist, wurden einfach herausgelöst. Dafür hat die Flut auch die Touristen weggespült. Kaum ist es November, wird die Miete günstiger, die Läden haben andere Öffnungszeiten und unser Vaporetto fährt nicht mehr. Dummerweise war uns das nicht klar und wir saßen etwas verloren an einer Haltestelle, die erst im April wieder angefahren wird. Trotz des Zuspätkommens gab es in der Uni gute Neuigkeiten: Unser Prof fragte, ob es uns stören würde, wenn wir nur zwei statt drei Essays schreiben müssten. Ein bisschen hat das meinen Tag aufgehübscht.

Fotos vom Hochwasser: L. Brinkmann – ich war zu der Zeit ja in München.

2 Gedanken zu “Tod (einer Ratte und Hochwasser) in Venedig

  1. Ein Toast auf das Quartett:

    Auf Cherry die Liebenswerte
    die sich immer mit allen anfreunden wollte und die ihren Tumor bis zuletzt tapfer
    ignoriert hat.
    Auf Friederike die Eigenwillige
    die immer ihren Weg alleine ging und die ihr Vorratslager stets mit den Vorräten der
    anderen auffüllte.
    Auf Karla die Forscherin
    die immer unterwegs war und auch mal in den Klo gefallen ist
    und auf Rosa, die Ordentliche,
    die bei Sophie zuhause war, bei jedem Ausflug dicht bei ihr blieb und die von
    Nahrungsmitteln bis zu Liebesgedichten alles in ihren Käfig räumte, was sie
    schleppen konnte.

    Mögen ihre kleinen Streiche uns immer in Erinnerung bleiben

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s