Die Abenteuer einer EC-Karte

Vor inzwischen 12 Tagen, als ich gerade wieder in Venedig angekommen war, bekam ich folgenden Anruf:

  • „Grüß Gott, Frau Schuhmacher. XY von der HypoVereinsbank hier. Wir wollten Ihnen nur mitteilen, dass wir Ihre EC-Karte aus Sicherheitsgründen gesperrt haben. Vor einer Woche gab es da eventuell einen Datendiebstahl an einem Automaten, an dem Sie abgehoben haben.“
  • „Äh, ok. Und wie soll ich jetzt an Geld kommen?“
  • „Wir schicken Ihre neue Karte heute noch ab.“
  • „Ja, aber an meine Meldeadresse, nehme ich an. Ich bin aber zur Zeit in Venedig!“
  • „Achso. Ja. Ne. Also nach Italien können wir die nicht schicken.“
  • „Und was soll ich dann tun?!“
  • „Ja die muss Ihnen dann jemand aus Deutschland weiterschicken. Ihre Eltern oder so.“
  • „Das dauert dann ja ewig!“
  • „Ja, so 10 bis 14 Tage halt.“
  • „Und was soll ich bis dahin essen? Ich habe noch 30€ im Geldbeutel und muss heute für 25€ mein Monatsticket für den ÖPNV kaufen. Wie soll ich denn 10 bis 14 Tage mit 5€ überleben?“
  • „Ja, das weiß ich auch nicht…“

Ihr Trottel habt also meine EC-Karte gesperrt, eine Woche (!) nach einem möglichen Datendiebstahl. Aber ihr hattet nicht die Idee, mir das zu sagen, bevor ihr meine Karte sperrt? Mir so zwei Stunden zu geben, um noch Geld abzuheben? Bei einer Woche hätte eine Stunde sicher auch nicht mehr viel ausgemacht. Und jetzt seid ihr so blöd, meine Karte nicht nach Italien zu schicken, und für das Porto für ein Einschreiben von Deutschland nach Italien darf ich dann zahlen, weil euer Geldautomat manipuliert war. Und natürlich hast du keine Ahnung, wie man von 5€ leben soll, davon lebst du wahrscheinlich eine Stunde lang.

Ja, natürlich übertreibe ich mal wieder, ich bin ja nicht am Arsch der Welt, ich habe Freunde hier und würde schon irgendwie an Geld kommen. Aber trotzdem fühlt sich das scheiße an. Auf andere angewiesen zu sein, gefällt mir überhaupt nicht. Außerdem hebt mein Mitbewohner auch immer Geld von meinem Konto ab, weil er immense Gebühren zahlt und ich gar keine. Das ist auch der Grund, weshalb ich weder Kreditkarte noch ein italienisches Konto besitze – es ging ja bis jetzt dank UniCredit immer reibungslos.

Ganz so blank, wie ich dachte, war ich dann übrigens doch nicht: Es hat sich herausgestellt, dass ich manchmal mitdenke und Anfang meines Aufenthalts 100€ für Notfälle in meiner Schublade hinterlegt hatte. Ich hatte nur nicht daran gedacht, dass ich mitgedacht hatte. Insofern war es dann doch gar nicht so schlimm, wir hatten zusammen noch 130€ für 10 bis 14 Tage, das geht. Das reicht, wenn man nicht gerade das luxuriöseste Essen kauft, sogar für einen Ausflug nach Padova und ein Paar Winterstiefel auf dem dortigen Mercato – ihr wisst schon, dieses Phänomen mit Ständen, wo man Winterjacken, Spüllappen, Topfpflanzen, Haustiere, Körbe, neonpinke Badeanzüge und Fusselrollen am selben Stand kaufen kann.

Padova ist allgemein eine ganz hübsche Stadt – im Vergleich zu Venedig ist „ganz hübsch“ ein sehr großes Lob – und dank meiner taiwanesischen Kommilitonin Melody musste ich mich auch um fast gar nichts kümmern. Mein Mitbewohner ist spontan zu Ron mutiert und hat jubiliert: „Zwei Hermines! Jetzt muss ich nie wieder mitdenken!“ Melody hatte sogar Führungen für uns gebucht, so konnten wir Giottos Gemälde in der cappella degli Scrovegni betrachten. Und vor allem die imposanten, millionenschweren Maßnahmen inklusive Luftschleuse, die getroffen wurden, um diese Gemälde zu restaurieren und zu schützen.

Das Rednerpult Galileo Galileis ist dagegen weit weniger beeindruckend, es besteht nur aus ein paar alten, zusammengenagelten Holzbrettern. Die Studenten – Padova hat eine der ältesten Universitäten der Welt – mussten das nämlich damals selbst zahlen. Faszinierend ist allerdings das anatomische Theater an der Uni: Medizinstudenten mussten damals auf engen, niedrigen Balustraden stehen, nachts, im Kalten, bei Kerzenschein, in einem fensterlosen Saal, um der Obduktion am Boden dieses Saales inklusive aller Gerüche beizuwohnen. Die Anwohner Padovas wollten das so, um nicht von diesen „Schwarzmagiern“ in ihrem Alltag gestört zu werden.

Ausnahmsweise muss ich übrigens die Hauptattraktion Padovas, die Basilica di Sant’Antonio, ausdrücklich empfehlen. Die Wandmalereien in den unzähligen Seitenkapellen sind fast alle frisch restauriert und haben teilweise Farbverläufe, wie ich sie noch nie in Kirchen gesehen habe. Der Gottesdienst, den wir dabei versehentlich gestört haben, war übrigens deutlich besser besucht als die in Venedig – könnte aber auch an der geringeren Kirchendichte liegen…

 

Die Geschichte meiner EC-Karte aber ging weiter: Erst nach vier Werktagen kam sie bei meinem Freund an – entweder die Post hat richtig Scheiße gebaut, oder die HypoVereinsbank hat die Karte eben nicht am selben Tag abgeschickt. Der erste Versuch, die Karte per Einschreiben an mich zu schicken, scheiterte daran, dass die Post wegen Betriebsversammlung geschlossen war. Dann stattdessen in München aufgegeben wurde der Brief natürlich nicht direkt nach Venedig geschickt, sondern über die internationalen Briefzentren in Frankfurt und Mailand. Heute, nach 12 Tagen, soll die Karte endlich bei mir ankommen. Ich bin gespannt. Die PIN, die dann „ein bis zwei Tage nach der EC-Karte“ bei meinem Freund ankommen sollte, ist übrigens gerade eben erst eingetroffen. Die HypoVereinsbank lässt ihre Kunden also selbst in Deutschland 12 Tage ohne Zugang zu ihrem Geld. Na, herzlichen Glückwunsch.

Morgen fährt mich übrigens meine Mutter besuchen. Da hätte ich mir das Porto auch sparen können.

Nachtrag: Natürlich war die EC-Karte nicht im Briefkasten. Nein, da man mich nicht angetroffen hat, muss ich sie bei der Post abholen. Zwar hatte mein Freund bei der deutschen Post extra betont, dass es ein Einwurf-Einschreiben sein soll – eines mit Unterschrift hätte mehr gekostet und ich wusste ja, dass ich tagsüber nicht zu Hause bin. Also bin ich heute Morgen extra früher aufgestanden, denn die Öffnungszeiten sind hier noch kundenfreundlicher als in Deutschland: 8:20 – 13:35. Also genau dann, wenn jeder normale Mensch in Uni oder Arbeit ist. Keine nachmittagsöffnung. Niente. Dort angekommen guckt der Postbeamte gefühlte fünf Minuten auf meinen Abholzettel – Alter, ich muss das Vaporetto erwischen! – und sagt dann: „Non c’è.“ Ist nicht da. Wahrscheinlich ist der Brief noch in einem anderen Standort. Er denkt, er müsste morgen da sein. Fortsetzung folgt.

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