Schooool’s out – Ein vorläufiges Fazit

Das Semester nähert sich seinem Ende und mündet in die Prüfungsphase. Das heißt: Prokrastination, ich schreibe einen Blogartikel über Reflexion meiner Erlebnisse an der Venice International University! Das ist schließlich immens wichtig, so eine Reflexion. Viel wichtiger als mein Final Essay über die venezianische Resistenza, der seit Tagen darauf wartet, dass ich endlich die italienischsprachigen Quellen durcharbeite.

Aber damit wären wir schon direkt beim Thema: Italienisch. Wenn man Lehramt studiert, verliert man erschreckend schnell seine Erinnerung daran, wie es in der Schule war, als man noch als Schüler*in dort hin musste. Bei all dem akademischen Geschwafel und den psychologischen Studien vergisst man leicht, dass die Hausaufgaben echt ätzend und viel zu viel waren, dass man Tage hatte, an denen es einem einfach scheiße ging, man sich trotzdem in die Schule quälen musste und dann rücksichtslos vom Lehrer ausgefragt wurde. Man weiß auch nicht mehr, dass man manchmal einfach unbegründete Aggressionen gegen die Lehrer*innen, das Fach, die Schule und alles andere hatte. Wenn ich meine Texte für die Uni nicht gelesen habe, kann ich mich halt an der Diskussion nicht beteiligen, nevermind. Wenn ich im Kurs schlechte Laune habe, stehe ich auf und hole mir einen Kaffee, gehe spazieren oder fahre heim. Wenn ich mich unwohl fühle, stehe ich morgens gar nicht erst auf. Das sind Freiheiten, die man schnell für selbstverständlich nimmt.

Nun ist es so, dass wir hier an der VIU Anwesenheitspflicht haben. Das ist erstens sehr schockierend und zweitens wie in der Schule. Der Italienischkurs ist außerdem viel mehr wie Unterricht strukturiert als alle anderen Kurse, die ich je an der Uni hatte. Es gibt sogar Hausaufgaben, die man morgens gemeinsam verbessert, und wenn man die nicht hat, steht man vor versammelter Runde blöd da. Selbstverständlich führt das nicht dazu, dass man seine „compiti“ gewissenhaft erledigt. Aber es führt dazu, dass man morgens früher in die Uni fährt, um sie von seinen Kommilitonen abzuschr korrigieren zu lassen. Wie in der Schule. Nur dass es damals auf den Toiletten war und nicht im Café. Und wenn dann die halbe Klasse, teils mit Kaffee in der Hand, drei Minuten zu spät kommt, dann wird man vom Professor streng ermahnt. Und ganz ehrlich, manchmal sitze ich in einem Kurs und verstehe einfach nichts. Absolut nichts. Und dann habe ich keinen Bock mehr. Und außerdem frage ich mich ständig, wofür ich das brauche – obwohl ich weiß, wofür ich das brauche und obwohl ich das lernen will. Wie könnte ich da Schüler*innen vorwerfen, dass sie keinen Bock haben? Also an alle Lehrkräfte da draußen: Es ist manchmal echt scheiße, Schüler*in zu sein. Vergesst das nicht.

Außer dieser Erfahrung, die ja eher eine Metaebene betrifft, habe ich vor allem Folgendes gelernt: Man frühstückt im Stehen, Kaffee kann man immer trinken, Spritz ist ab 11 Uhr mittags ok, Wein geht ab 4. Gut, dass ist jetzt weniger lebensverändernd als die Auslandsaufenthalte vieler anderer Menschen. Aber definitiv unterhaltsamer als das, was mir sonst so durch den Kopf geht:

Vor ein paar Tagen war Ayşe Gül Altinay als Gastrednerin in einem unserer Kurse. Sie ist Professorin für Gender Studies und Cultural Sciences – in Istanbul. Erst einmal war ich überrascht, dass in der Türkei an einer staatlichen Hochschule Gender Studies unterrichtet werden. Und dann war ich überrascht, dass der Anteil an weiblichen Professoren dort bei 30-40% liegt, denn in Deutschland sind es nur 20-25%. Aber die bösen Muslime wollen uns die Frauenrechte nehmen… Ayşe Gül Altinay begleitet und betreut verschiedene Projekte zum Beispiel zur Gleichberechtigung von Frauen, für die Akzeptanz verschiedener Sexualitäten und Geschlechter und zur Koordination von Gruppen und Bewegungen. Sie sieht sich als Feministin und ist als solche auch in der Türkei aktiv. Obwohl zum Beispiel Homosexualität nicht verboten ist – führende Politiker nennen es aber gerne „Störung“ oder „Krankheit“ – , ist das, was die Aktivist*innen aus ihren Projekten tun, „a bit risky“, wie Ayşe es formuliert. Sie selbst hat nächste Woche eine gerichtliche Anhörung und es ist keine Selbstverständlichkeit, dass sie zu uns nach Venedig reisen durfte.

Das ist eines der Erlebnisse, die mich zum Nachdenken gebracht haben: Würde ich gegen ein Unrechtsregime kämpfen? Lange habe ich kaum gezögert, diese Frage zu beantworten. Natürlich, man muss doch etwas tun, sich für seine Werte einsetzen, kämpfen. Aber um welchen Preis? Im Sommer 1944 haben Partisanen in Venedig einen Bombenanschlag auf die Zentrale der faschistischen Nationalgarde verübt. 14 Menschen sind dabei ums Leben gekommen, es war – sympathisiere man nun mit Gewaltanwendung oder nicht – ein klares Zeichen und es gab immerhin keine Kollateralschäden. Als Reaktion darauf wurden wenig später 14 politische Gefangene hingerichtet, die mit dem Anschlag nichts zu tun hatten. Noch ein wenig später wurden sieben Antifaschisten öffentlich erschossen, weil ein deutscher Wachposten verschwunden war. Tatsächlich war er während seines Dienstes betrunken ins Wasser gefallen und die Aktivist*innen hatten damit nichts zu tun.

Ich frage mich dabei: Was hätte ich getan? Würde ich überhaupt daran glauben, dass ich etwas bewegen kann oder würde ich eher versuchen, nicht aufzufallen und das Beste aus meinem Leben zu machen? Vor allem frage ich mich: Was hat sich in den letzten sechs Jahren verändert, dass ich mir meiner Sache so unsicher geworden bin? Vielleicht war es einfach die jugendliche Hitze, die Wut, die Hoffnung, die mich jetzt leider vorzeitig verlassen hat. Vielleicht liegt es daran, dass ich vor sechs Jahren nichts zu verlieren hatte, kein Amt, kein Geld, keine Zukunft, denn die Zukunft war so ein undefiniertes Etwas, das kaum etwas war. Aber jetzt – ich bin zu schnell erwachsen geworden. Langweilig und spießig sozusagen. Heute erst habe ich schockiert festgestellt, dass ich zu schnell studiert habe: Trotz des Auslandssemesters bin ich meinem Studienplan voraus – in einem Jahr bin ich mit allen meinen Kursen fertig, nur noch mein Erweiterungsfach bleibt dann. Ich bin doch noch viel zu jung, um mein Leben zu beginnen, ich will lieber noch eine Weile auf meiner gemütlichen, weiten Spielwiese namens Uni bleiben!

Trotz all dessen, des Zualtseins und des Zujungseins, bin ich vorerst einfach froh, in einem Land zu leben, in dem ich nicht meine Freiheit, mein Leben oder meine Familie riskieren muss, um etwas zu gestalten und zu verändern. Ich bin froh, in einer Demokratie zu leben, auch wenn sie nicht perfekt ist. Und eines habe ich auch verstanden: Die Differenzen zwischen Ethnien bzw. zwischen dem, was oft als „Kulturen“ bezeichnet wird, sind nicht so groß. An unserer Uni kommen Menschen aus 17 Nationen zusammen und mit allen kann ich mich gut unterhalten, weil wir etwas gemeinsam haben: Bildung. Das klingt vielleicht arrogant, aber ich habe den Eindruck, dass man einander ab einem gewissen Bildungsniveau besser versteht, weil man eine Metaebene teilt: Man kann über Unterschiede sprechen, weil man gleiche (oder ähnliche) Grundsätze und Regeln für die Herangehensweise annimmt. Mit allen, mit denen ich näheren Kontakt habe, habe ich mehr Gemeinsamkeiten gefunden als Unterschiede, auch wenn wir unterschiedliche Sprachen sprechen, verschiedene Bräuche haben und eine andere Schrift nutzen. Ich spüre viel größere Differenzen innerhalb dessen, was gerne als „deutschen Gesellschaft“ bezeichnet wird. Natürlich sehe ich die Lösung nicht darin, einfach alle durch die Uni zu jagen und ihnen einen Master zu verpassen, damit wir konstruktiv arbeiten können. Aber ich bin zur Überzeugung gelangt, dass nicht die „Überfremdung“ durch andere „Kulturen“ das Problem ist, sondern dass „wir“ in Deutschland überhaupt keine Einheit sind, die überfremdet werden könnte. Das Fremde, das Andere, ist eine Frage der Perspektive. „Fremd“ sind mir nicht nur Muslime oder Afrikaner*innen. Mir sind auch Menschen ohne Schulabschluss „fremd“ und Menschen, die Wert auf Modelabels legen. Auch Mathematiker*innen und Spitzenpolitiker*innen sind mir „fremd“ und manchmal sogar meine Eltern.

Aber wenn mir die VIU etwas beigebracht hat, dann das: „Fremd“ muss nicht immer „anders“ bedeuten, nur anstrengend kann es eben sein. In diesem Sinne: Auf in die Recherche für mein Paper.

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