Es war einmal ein Land

Zur Interkulturellen Woche der Stadt Germering, am 22.03.2019

Es war einmal ein Land, in dem waren alle glücklich.
Man arbeitete Hand in Hand, alles war friedlich.
Alle waren auf du und du, konnten gemeinsam lachen.
Es ging dort gerecht zu, niemand brauchte sich Sorgen zu machen
Um Bildung und Nahrung und Heilung und Wohnung.
Alle waren frei in ihrer Sexualität
Alle waren voller Vitalität
Alle waren ohne Rivaliltät
Alle waren nahe an Genialität.
Alle waren frei
Und alle waren gleich.
Alle waren gleich.
Klingt wie ein Märchen?
Ist es auch.

Aber
Alle waren frei.
Und alle waren gleich.
Alle waren gleich.

Und dann kamen die Flüchtlinge.
Und dieses Volk, das so frei war,
Friedlich und gleich war,
In Gleichheit vereint war,
Wurde gespalten.
Nichts hat mehr gehalten,
Nichts Neues, nichts Altes.
Seit die Flüchtlinge da sind,
Wird Homosexualität diskriminiert.
Seit die Flüchtlinge da sind,
Wird Monogamie irritiert.
Seit die Flüchtlinge da sind,
Machen Behörden Fehler.
Seit die Flüchtlinge da sind,
Gibt es Dealer und Hehler.
Seit die Flüchtlinge da sind,
Ist die Sprache verroht,
Seit die Flüchtlinge da sind,
Ist der Schlager tot,
Seit die Flüchtlinge da sind,
Ist das Klima bedroht.
Seit die Flüchtlinge da sind,
Ist der Deutsche Exot.

Dabei war es mal ein Land, in dem waren alle glücklich.
Man arbeitete Hand in Hand, alles war friedlich.
Alle waren auf du und du, konnten gemeinsam lachen.
Es ging dort gerecht zu, niemand brauchte sich Sorgen zu machen.

Auf einmal mussten wir integrieren.
Und integrieren fiel uns schon in Mathe ziemlich schwer.
Die Deutschen würden doch sich selbst verlieren,
Also setzen sich gegen das Fremde zur Wehr.
Sie schützen unsre Kultur,
Bewahren unsere Werte,
Dummerweise merken sie nur –
Und das mit aller Härte –
„Das Deutsche“ zu finden, ist eine Tortur,
Die Suche eine beschwerte.

Dabei waren doch alle so frei,
So frei und gleich,
So frei und so gleich,
Sind die Deutschen wohl nicht.

Wir hören nicht alle Blasmusik,
Wir lesen nicht alle Goethe und Tieck,
Wir gehen nicht alle zur Universität,
Wir stehen nicht alle auf Autorität,
Wir sind nicht alle männlich, weiß, heterosexuell, über fünfzig und gut bezahlt,
Wir leben nicht alle von nur einem Gehalt,
Wir sind nicht alle pünktlich voll Fleiß,
Wir ernten nicht alle Weizen und Mais,
Wir fahren nicht alle BMW,
Und angeln nicht alle die Fische im See.
Wir wären nur gerne einig und gleich.
Wir wären gerne gleicher als wir sind.

Wir wären gerne ein Land, in dem sind alle glücklich.
Man arbeitete gerne Hand in Hand, alles wär friedlich.
Alle wären gerne auf du und du, könnten gemeinsam lachen.
Es ginge hier immer gerecht zu, niemand müsste sich Sorgen machen.

Und als die Flüchtlinge kamen,
Kam die Integration.
Doch Integration worein?
Ich bin doch selbst nicht integriert,
Eher so mäßig assimiliert.
Ich weigere mich, eine „der Deutschen“ zu sein,
Weil ich nicht weiß,
Was Deutschsein eigentlich heißt.
Ich schreibe und bin Vegetarierin,
Ich leide auf meiner Suche nach Sinn,
Ich bin dialektlos aufgewachsen,
Ich mag lieber Ratten als Pferde und Katzen,
Ich mag keine Rüstung und keine Gewalt,
Ich bin weiblich, blass, pansexuell, unter fünfzig und schlecht bezahlt,
Mein Auto ist ein Fahrrad
Und in den Augen vieler hab ich ein Rad ab.
Mir fehlen so viele Tassen im Schrank –
Manche nennen es psychisch krank,
Andere einfach postmodern –
Ich werd es einfach so erklärn:

Ich könnte nicht einmal sagen,
Wer ich bin.
Was ich bin.
Wie viel ich bin
Wo ich hingehöre,
Und in welcher Atmosphäre
Ich nicht störe.

Ich möchte in ein Land, in dem sind alle glücklich.
Man arbeitet Hand in Hand, alles ist friedlich.
Alle sind auf du und du, können gemeinsam lachen.
Es geht dort immer gerecht zu, niemand muss sich Sorgen machen.

Doch dieses Land, das waren wir nie.
Vor allem waren wir nie gleich.
Nicht einmal vereint.
Wir sind, waren und werden
Ein Land mit Gruppen und Gräben.

Germanen gegen Römer.
Heiden gegen Christen.
Dann Christen gegen Heiden.
Männer gegen Frauen.
Kirche gegen Hexen.
Adel gegen Bauern.
Katholiken gegen Protestanten.
Protestanten gegen Katholiken.
Adel gegen Bürger.
Bauern gegen Industrie.
Proletariat gegen Bourgeoisie.
Preußen gegen Bayern.
Demokraten gegen Monarchie.
Monarchen gegen Demokratie.
Reich gegen arm.
Christen gegen Juden.
Kommunisten gegen SPD.
Bayern gegen Sudetendeutsche.
Westdeutsche gegen Ostdeutsche.
Gastarbeiter gegen Heimarbeiter.
Frauen gegen Männer.
Uni gegen Hauptschule.
Goethe gegen Kollegah.
Hip-Hop gegen Rock.
Metal gegen Reggae.
Klassik gegen Hip-Hop.
Und Punk gegen Folk.

Statt der vielen „Gegen“s
Könnten wir’s mit „Mit“s probieren.
Lasst einander Chancen geben,
Was könnten wir dabei verlieren?
Wir sind nicht alle gleich
Und wir werden es nie sein.
Wir sind nicht alle gleich
Und das müssen wir nicht sein.
Wir sind nicht alle gleich
Und das find ich ziemlich schön,
Drum lasst uns heute Abend
Diese Schönheit sehn.

Alle hier haben eine eigene Geschichte,
Eigene Berichte,
Eigene Geschichten,
Eigene Gesichter.

Lasst uns heute lauschen,
Von Harmonien berauschen,
Kultureinflüsse tauschen,
Und hinterher noch plauschen.

Und gemeinsam können wir träumen
Von einem Land, in dem sind alle glücklich.
Wir arbeiten Hand in Hand, alles ist friedlich.
Alle sind auf du und du, wir können gemeinsam lachen.
Es geht dort immer gerecht zu und wirklich niemand muss sich Sorgen machen.

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