Coming Home

Als am 2. Juni ein Kreuzfahrtschiff in Venedig die Docks von San Basilio mitsamt einem kleineren Touristenboot rammte, war das für mich nicht nur eine Meldung über das leidige Thema Kreuzfahrt in Venedig, sondern eine Nachricht über einen vermeidbaren Unfall, der mich wütend macht, in der Stadt, die für mich ein Stück Heimat geworden ist. Ich würde gerne behaupten, ich wäre dann extra für die folgenden Demonstrationen dorthin gefahren und hätte aus edlen Motiven mein Blockseminar am Samstag verpasst, aber eigentlich hatte ich nur Heimweh und ohnehin geplant, an diesem Wochenende Urlaub zu machen.

In Venedig anzukommen, war nicht, wie ich es erwartet hatte. Ich hatte mit einer für mich typischen, unbändigbaren Nostalgie gerechnet; damit, dass ich an jeder Brücke, an jedem Graffiti, jeder Bar mit persönlicher Bedeutung seufzend stehen bleibe und meine Reisegefährten mit spannenden Informationen versorge, à la „hier habe ich ein Eis gegessen und eine asiatische Touristengruppe gephotobombed“. Aber nein. Es war einfach ein heimkommen, es war schön, aber heimkommen kann ich immer wieder, das ist nichts Melancholisches.

Es waren nur vier Monate, über die mich diese Stadt – wohl eher erzwungenermaßen als freiwillig – aufgenommen hat, und die Grenze zwischen Tourismus und Auslandssemester ist keine klare. Zu meiner Verteidigung kann man wohl anführen, dass ich meinen Müll getrennt, im Supermarkt eingekauft und die Rialtobrücke gemieden habe. Aber gewohnt habe ich in einer Wohnung, die sommers an Feriengäste und winters an Austauschstudierende vermietet wird, meine Zeit habe ich primär mit anderen internationalen Studierenden verbracht und Steuern habe ich auch nicht gezahlt. Der Tourismus macht Venedig kaputt und ich trage dazu bei, weil und obwohl ich mich in sie verliebt habe. Trotzdem fanden es die meisten Demonstranten eher cool, dass deutsche (Touristen) an einer Demo gegen Kreuzfahrttourismus in Venedig teilnehmen – sie hätten es schließlich auch als Zynismus interpretieren können.

Wenn ich gefragt werde, wo ich mein Auslandssemester verbracht habe, antworte ich übrigens immer mit „Venedig“, nie mit „Italien“, weil ich mir gar nicht mehr sicher bin, ob man Venedig zu Italien zählen kann. Die Verkehrsmittel sind pünktlich, die Gassen blitzsauber, das Essen ist (für italienische Verhältnisse) schlecht. Und während die zweite Hälfte meines Semesters dort wetterbedingt vom schlimmsten Tourismus halbwegs verschont geblieben war, war die Hauptverkehrssprache in den Gassen am vergangenen Wochenende wieder Deutsch. Und Leute, das hat mich fertig gemacht. An der Münchner Uni belege ich inzwischen einen Italienischkurs für B2 – ich habe prima Grammatikkentnisse, aber leider zu wenig Sprecherfahrungen, um sie auch tatsächlich anwenden zu können. Und schon an der Rezeption des Campingplatzes, wo ich – übrigens grammatikalisch einwandfrei – sagte, dass wir reserviert haben, wurde mir auf Deutsch geantwortet.

Und so gut es mir auch getan hat, wieder in meinen geliebten venezianischen Gassen unterzutauchen und Pizza, Eis und Canoli an meinen Stammplätzen zu holen – es ist nicht dasselbe. Zum einen fehlen mir meine Kommiliton*innen, die natürlich fast alle längst wieder in ihre Heimatstädte zurückgekehrt sind. Spontan habe ich aus – nun doch – einem Funken Nostalgie (oder wegen des halben Fläschchens Rotwein) am Strand von Lido erst einmal eine E-Mail an einen meiner VIU-Dozenten geschickt, der schon lange wieder in New York ist. Zum anderen fallen einem Details auf, die nicht relevant sind, wenn man in Venedig lebt, aber als Tourist ist es eben schon blöd, wenn man einen Mangel an öffentlichen Toiletten feststellt.

Und glücklicherweise kann ich in Venedig auch immer noch etwas Neues erleben. Unsere vierpfotige Mitbewohnerin namens Kathi hat uns diesmal nämlich begleitet und geduldig die lange Autofahrt, den Maulkorb auf den Schiffen und die Menschenmassen in Venedig allgemein und auf der Demo im Besonderen ertragen. In München ist es so selbstverständlich, dass einzelne Menschen einen Bogen um Hunde machen, grantig gucken, wenn der Hund frei läuft und vorsichtige Kinder von fast hysterischen Eltern zur Seite gezogen werden, dass es mir bisher nicht aufgefallen ist. Aber Venedig ist anders und ich weiß nicht, warum. Dort kommen Menschen aus aller Welt zusammen, denn es sind ja nicht nur Einheimische, denen wir über den Weg gelaufen sind, sondern auch Touristen aus aller Herr*innen Länder. Aber kein einziges Mal ein böser Blick auf einen Hund, der zugegebenermaßen die Gasse zusätzlich verengt – im Gegenteil: Die Hälfte der Passant*innen sagt „che bello che sei“, „wie süß“ oder „look at you“ (wohlgemerkt zum Hund, nicht zu mir) und wenigstens alle paar Minuten wird die Kathi im Vorbeigehen, ganz nebenbei, ganz selbstverständlich, ganz ohne gefragt zu werden, gestreichelt.

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Und auch wenn dieses Wochenende anstrengend war – für Kathi und für uns – , hat es, glaube ich, uns allen gefallen. Die Demo wurde letzten Endes übrigens ein großer Erfolg. Der lange Zug von „mehreren tausend“ (Polizei) bis „über zehntausend“ (Veranstalter) Demonstrierenden durch die Gassen Venedigs hat sogar die Präfektur gezwungen, den Markusplatz als Endpunkt der Demo zuzulassen, obwohl das ursprünglich mit fadenscheinigen Begründungen verboten worden war. Auch das angekündigte Entgegenkommen der Politik entspricht nicht den Forderungen der Demo: Diskutiert wird bisher nämlich die Umfahrung Venedigs nach Marghera, um von dort die Touristen mit Shuttles abzuholen. Dafür müssten aber neue Kanäle in der Lagune ausgegraben bzw. vertieft werden, was wiederum nicht zu unterschätzenden Folgen für das Ökosystem der Lagune hätte und den Touristenstrom ja doch nicht bremsen würde. Deswegen fordern die Demonstrierenden (schon lange) nicht „Schiffe raus aus Venedig“, wieoft katastrophal falsch übersetzt wird, sondern rufen laut im Chor „fuori le navi dalla laguna„. Ob es letztlich etwas bringt, werden wir sehen. Aber die hohe Teilnehmerzahl hat doch gezeigt: Viele haben bereits begriffen, dass man Venezia, „la Serenissima“, nicht auf den Strich schicken sollte, um Menschen wie mich zu befriedigen.

 

 

 

 

 

 

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